"Mit Suchtfaktor" [Hannoversche Allgemeine Zeitung, 10/2012]

"Eigentlich muss man vor dieser CD warnen. Denn manche Stücke sind so schlicht-raffiniert gebaut und gespielt, dass sie über einen außerordentlich hohen Suchtfaktor verfügen. Track Nummer fünf beispielsweise, ein Stück namens "Mara's Lullaby", ist knapp vier Minuten lang. Vier Minuten, in denen man niederknien möchte.

Der Augsburger Saxofonist Christian Elin (er spielt Sopran- und Altsaxofon und Bassklarinette) hat eine neue CD herausgebracht, diesmal zusammen mit der aus Venedig stammenden Pianistin Anna D'Errico. Außerdem spielen bei einzelnen Stücken Sebastian Hausl (Marima und Perkussion), Bastian Jütte (Drums) und Wolfram Oettl (Cembalo) mit.

Die Scheibe heißt "Back to Yourself". Der Titel ist programmatisch. Christian Elin hat sich auf sich selbst konzentriert und seinen eigenen Ton – bei dem es Anklänge von Jazz, asiatischer und Filmmusik, aber auch spätmittelalterliche Einflüsse gibt – geschärft, präzisiert. Es sind traurige und lebensfrohe, verspielte und getragene Stücke, die Elin auf der CD versammelt, von Komponisten wie Marc Mellits (von dem "Mara's Lullaby" stammt), Graham Fitkin oder Peter Michael Hamel. Kein Komponist ist vor 1947 geboren. Der Schwerpunkt liegt also eher auf der Neuen Musik. Was nicht heißt, dass man Klangchaos befürchten müsste. Im Gegenteil: Elins Spiel, immer klar kontrastiert von seiner Partnerin am Piano, ist hochintensiv und virtuos in den zügigen und von einer großen Tiefe in den langsamen Passagen. Was übrigens auch für den einzigen von Elin selbst komponierten Track auf der CD gilt. Er heißt "May" und gehört zu den Suchtstücken."

Bert Strebe


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