"Ein Quell spiritueller Kraft" [Augsburger Allgemeine Zeitung, 10/2009]

"Der Saxophonist Christian Elin spielt "streaming" ein

Es ist ein spezieller Weg, den Christian Elin als Saxophonist eingeschlagen hat: Vorbei an der weltläufig bunten Jazz-Welt, fern der lukrativen Szene der Pop- und Unterhaltungsmusik findet er eine individuelle Richtung, die dem Saxophon neue Dimensionen eröffnet. Neben seinem Studium am Richard-Strauss-Konservatorium in München und an der Hochschule für Musik in Basel besuchte der 1976 in München geborene Musiker in Basel auch das Ali Akbar College. Dort tauchte er, tief beeindruckt von indischer Musik, in das Fluidum der Ragas. Als Musiker und Künstler beginnt Elin nun in Augsburg Fuß zu fassen: Er unterrichtet als Dozent für Saxophon am Leopold-Mozart-Zentrum, als Interpret ist er ebenso begehrt, wie seine zahlreichen Konzertauftritte mit renommierten Orchestern und Ensembles im In- und Ausland belegen. Der Schritt vom Interpreten zum Komponisten ergab sich für Elin vor zwei Jahren. Die Flöten-Partita in a-Moll setzte eine Initialzündung frei. Er wollte die Raumtiefe Bachs latenter Mehrstimmigkeit auf das Saxophon übertragen.
Das Schöpferische, sagt Elin, geht aber nicht gezielt aus dem bloßen Spiel des Instruments hervor. Der kreative Weg trägt nämlich Züge des Improvisatorischen und speist sich aus der Intuition, neue Klangwelten schaffen zu wollen.
Elins Kompositionen, erfüllt von der kontemplativen Substanz der Ragas, bauen auf rotierenden Klangelementen auf, die über die Wiederholung an Eindringlichkeit gewinnen. Die Kreise beginnen sich zu weiten, Energie wächst ihnen zu, der Zeitfaktor löst sich auf: Musik ohne Anfang und Ende. Neben Berührungspunkten zu Philip Glass empfindet Elin auch eine große Nähe zu Bach.
Dellingers Musik führt aus der Alltäglichkeit hinaus: Losgelöst von jeglicher Profanwirkung rückt Elins feinsinniges Stilempfinden in sakrale Nähe. Freiräume zur Meditation öffnen sich. Kontinuierlich strömt und fließt die Saxophonmusik - man assoziiert Orgelregister - und doch ruhen die Klangströme harmonisch in sich.
Schließlich reifte der Plan, die Werke auf eine breitere Plattform zu stellen. Elin spielte sie jüngst im Kirchenschiff von St. Anton ein und nannte seine sehr empfehlenswerte CD-Aufnahme "streaming". Sie wird für den Interpreten zur Option, sich auch schöpferisch zu entfalten und das Saxophon in ein neues Licht zu ü?cken.
In "prelude and hymn" so der Feingeist lausche er dem kreisförmigen Lebensstrom, lasse sich vom Klang tragen, schwinge mit seiner Fülle mit. Andere Titel wie "reminiscence" und "your song within me" spiegeln Existenzielles wider, greifen den frühen Tod seiner Partnerin Christa auf, der die Einspielung gewidmet ist.
Diese Musik erweckt spirituelle Welten, die über Tenor-, Alt- und Sopransaxophon fein nuanciert ausgeleuchtet werden und Tragkraft gewinnen. Ebenso authentisch wie suggestiv öffnen sich diese Klangräume, der Komponist wird zum eigenen Interpreten, der exzellente Saxophonist zum kreativen Tonschöpfer: ein richtungsweisender Reifungsprozess und zugleich eine verheißungsvolle Personalunion."

Ulrich Ostermeir



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